Im vergangenen Jahr durfte ich viele inspirierende Geschichten erzählen. Von Kolleginnen und Kollegen bei AbenteuerWege, aber auch von unseren Reisenden. Es waren ehrliche und oft sehr berührende Einblicke darin, wie Wandern und Zeit in der Natur dabei helfen können, wieder zur Ruhe zu kommen, neue Kraft zu schöpfen und sich selbst ein Stück näher zu kommen.
Zum Abschluss unserer Feel-Good Reihe möchte ich deshalb auch meine eigene Geschichte teilen, oder besser gesagt eine kleine Liebeserklärung an die Natur. Denn draußen, unter freiem Himmel, passiert etwas Merkwürdiges: Probleme wirken plötzlich weniger überwältigend. Sie verschwinden vielleicht nicht vollständig, aber sie verlieren für eine Weile ihre Schwere.
Die Natur hört zu, ohne etwas zurückzugeben. Keine Meinungen, keine Ratschläge und keine dieser kleinen, manchmal unausgesprochenen Urteile, die man sonst so oft spürt. Sie bleibt einfach still und gibt mir damit den Raum, meine Gedanken zu ordnen, Gefühle zuzulassen und neue Perspektiven zu entwickeln. Gleichzeitig fühlt es sich an, als würde mich eine unsichtbare Decke aus Ruhe und Trost umhüllen.
Und manchmal ist genau das die beste Antwort auf ein Problem. Hier ist meine kleine Botschaft:

Kirst in Porthleven auf dem South West Coast Path
Liebe Mutter Natur,
Ist es nicht eigentlich erstaunlich? Es gibt unzählige Medikamente, Behandlungen und Ratschläge für unser Wohlbefinden ... und doch beruhigt kaum etwas die Seele so sehr wie du.
Ein Arzt sagte einmal zu mir, dass man körperlich noch so gesund und fit sein könne: Wenn das Nervensystem dauerhaft unter Spannung steht, der Kopf nie wirklich zur Ruhe kommt und die Gedanken sich schneller drehen als die Turbinen eines Flugzeugs, wird echte Erholung oder Heilung kaum möglich sein.
Dieser Satz hat mich damals sehr nachdenklich gemacht.
Denn auf den ersten Blick mache ich vieles richtig. Ich ernähre mich ausgewogen, rauche nicht, trinke nur selten Alkohol und bewege mich regelmäßig. Yoga, Meditation und Bewegung gehören ganz selbstverständlich zu meinem Alltag. Wenn man es so betrachtet, könnte man sagen, dass meine Selbstfürsorge ziemlich gut funktioniert.
Und trotzdem bleibt oft dieses Gefühl, dass innerlich etwas nicht ganz zur Ruhe kommt.
Ich kann selten vollständig abschalten. Mein Kopf analysiert Situationen immer wieder, spielt kleine, vielleicht etwas unangenehme Momente in Endlosschleife ab und fragt sich, ob ich jemanden verletzt oder etwas falsch gemacht haben könnte. Selbst in ruhigen Momenten fällt es mir schwer, einfach nichts zu tun. Stattdessen begleitet mich ständig das Gefühl, die Zeit möglichst sinnvoll nutzen zu müssen.
Und dann kommst du ins Spiel.

Kirsty auf dem Offa's Dyke Weg
Wenn draußen plötzlich alles etwas ruhiger wird
Sobald ich in der Natur bin, verändert sich etwas. Ich habe plötzlich kein Problem mehr damit, mich einfach treiben zu lassen, stehen zu bleiben und zu beobachten, wie sich Zweige im Wind bewegen oder wie das Licht durch die Bäume fällt. Manchmal verliere ich mich auch ganz gedankenverloren in den rhythmischen Bewegungen der Wellen am Ufer.
Und wenn die Sonne durch Blätter scheint und dieses flimmernde Licht auf dem Waldboden entsteht, merke ich sofort, wie mein Atem ruhiger wird und sich ganz automatisch ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet.
Ob Spaziergänge durch den Wald mit meinen Hunden, ruhige Wege auf dem Land im strömenden Regen oder windige Strandspaziergänge mit kalten Händen und roten Wangen. Die Natur holt mich jedes Mal sanft ins Hier und Jetzt zurück. Und genau das ist für mich entscheidend.

Kirsty in St Ives auf dem South West Coast Path
Denn Angst und innere Unruhe können sich manchmal wie ein ungeladener Gast anfühlen, der plötzlich auftaucht, kein Gespür für den richtigen Moment hat und deutlich länger bleibt, als einem lieb ist. Das Engegefühl in der Brust, der Knoten im Bauch und das vertraute Herzklopfen.
Ganz verschwunden ist diese Angst nicht, und vielleicht wird sie das auch nie sein. Sie taucht noch immer auf, manchmal ganz unerwartet und genau in den Momenten, in denen ich sie am wenigsten gebrauchen kann. Dann kommt sie als Grübeln, als Zweifel oder als dieses Gefühl zurück, alles zu sehr zu analysieren.
Doch ich lerne langsam, besser damit umzugehen. Schritt für Schritt versuche ich, Grenzen zu setzen, ein inneres „Bitte nicht stören“ Schild aufzustellen und es jedes Mal ein wenig klarer zu formulieren. Manche Tage gelingen besser als andere. An manchen fühle ich mich ruhiger und stabiler als je zuvor, an anderen weniger.
Doch mit dir, liebe Mutter Natur, fühlt es sich nicht mehr so an, als müsste ich diesen Weg allein gehen. Es fühlt sich eher an wie Teamarbeit, du und ich gemeinsam gegen die Angst.

Kirsty auf dem Coast to Coast Fernwanderweg im Lake Disctrict
Schritt für Schritt weiter
So richtig bewusst wurde mir dieser Effekt, als ich begann, längere Wanderungen zu unternehmen. Natürlich war ich auch vorher oft draußen, etwa bei Spaziergängen am Wochenende oder kleinen Ausflügen. Auch das tat gut und half mir, den Kopf freizubekommen. Doch mehrere Tage hintereinander in der Natur zu verbringen und dabei zu wandern, hat noch einmal eine ganz andere Wirkung.
Der Fokus verschiebt sich plötzlich auf das, was direkt vor einem liegt: den Weg, den nächsten Schritt, das nächste Ziel am Horizont und Gedanken, die zuvor ständig im Kreis liefen, treten in den Hintergrund.
Stattdessen beginne ich mich zu fragen, wo meine eigenen Grenzen eigentlich liegen. Habe ich mir vielleicht zu viel vorgenommen? Oder steckt doch noch mehr Kraft in mir, als ich gedacht hätte? Oft findet man das erst heraus, wenn man es einfach versucht.
Der Wind trägt die Gedanken davon, die zuvor so laut im Kopf waren. Die Bewegung der Bäume beruhigt meinen Atem, und das leise Plätschern von Wasser löst Spannungen, von denen ich vorher gar nicht bemerkt habe, dass ich sie festhalte. Der hektische Lärm in meinem Kopf, sonst manchmal so chaotisch wie ein Einkaufszentrum kurz vor Weihnachten, wird allmählich ruhiger. Und plötzlich entsteht Raum.

Kirsty auf dem Great Glen Way
Raum für die kleinen Dinge: für das sanfte Trommeln des Regens auf meiner Kapuze, den Geruch von feuchter Erde, das weiche Moos unter meinen Füßen und den gleichmäßigen Rhythmus meines Atems, während ich Schritt für Schritt weitergehe.
Ohne die Natur fühlt sich mein Kopf manchmal an wie eine volle U-Bahn zur Rushhour. Alles ist laut, hektisch und rastlos. Doch sobald ich meine Wanderschuhe anziehe, meine Jacke schließe und hinausgehe, ist es, als würde jemand die Lautstärke herunterdrehen.
Plötzlich wird es still. Keine Schmerzmittel, keine beruhigenden Medikamente und keine ätherischen Öle.
Nur die Natur und der Weg vor mir.
Du erreichst so viel, ohne dabei aktiv etwas tun zu müssen, ganz in deinem eigenen Tempo und auf deine eigene Weise. Selbst nach den heftigsten Stürmen und den trockensten Sommern kehrst du immer wieder zurück: ruhig, beständig und unverändert schön.
Ich glaube, darin liegt eine kleine Lektion für uns alle.