Unterwegs auf dem Dingle Way

Man sagt, man erlebt in Irland alle Jahreszeiten an einem Tag ... und ehrlich gesagt stimmt das auch! Oft bin ich morgens vom Regen geweckt worden, nur damit kurz darauf der Wind die Wolken vertreibt und wenige Minuten später die Sonne durchkommt. Fast jeden Tag gab es einen Regenbogen, und diese Wechselspiel wurde schnell Teil des Alltags auf meiner Wanderung entlang des Dingle Ways.

Weite Felder, durchzogen von alten Steinmauern, kannte ich bereits aus England, doch hier in Irland wirkt alles noch einmal intensiver. Nicht umsonst wird die Insel die „Grüne Insel“ genannt, denn sanfte Hügel, sattes Grün und Schafe, die sich wie kleine Punkte über die Landschaft verteilen, prägen das Bild, so weit das Auge reicht.
Es wirkt fast nicht echt, als hätte jemand einen Farbfilter ein wenig zu stark aufgedreht. Und doch ist es genau dieses wechselhafte Wetter, das dafür sorgt, dass alles so lebendig und leuchtend bleibt und den besonderen Reiz dieser Landschaft ausmacht.

Geschichten und Legenden ziehen sich durch ganz Irland, vom kleinen Leprechaun bis zur geheimnisvollen Banshee. Diese Mischung aus Realität und Mythos verleiht der Landschaft eine ganz eigene Atmosphäre, die man überall spürt. Was jedoch ganz sicher kein Mythos ist, ist die Herzlichkeit der Menschen, die mir schon direkt bei der Ankunft aufgefallen ist.

Bereits am Flughafen wurde ich begrüßt, als würde ich zurückkehren und nicht zum ersten Mal hier sein. Auf der Fahrt zur Dingle-Halbinsel entwickelte sich schnell ein Gespräch mit dem Taxifahrer, das sich, wenig überraschend, vor allem um das Wetter drehte. Irgendwann meinte der Fahrer lachend, der Wind sei heute so stark, dass sich sogar die Bäume vor mir zur Begrüßung verbeugen würden. Spätestens da war klar: das wird eine ganz besondere Reise.
Mein Wanderweg führte über feine, fast krümelige Sandstrände und durch weite Felder mit Brombeersträuchern am Wegesrand, die sich perfekt als Snack für zwischendurch anbieten. Weiter ging es entlang ruhiger Landstraßen, gesäumt von pinken Fuchsien, die hier zwischen den Hecken wachsen. Offenbar findet diese eigentlich nicht heimische Pflanze an Irlands Westküste ideale Bedingungen. Wer hätte das gedacht?

Die Tage endeten oft ein wenig nass, denn das Wetter blieb abwechslungsreich. Mit ein paar Schichten im Gepäck ließ sich das aber gut machen, und am Ende wartete immer eine gemütliche Unterkunft auf mich. Ob kleines B&B oder Hotel, der Empfang war jedes Mal sehr herzlich, und ich konnte mich nie entscheiden, was ich mehr geschätzt habe: die warme Begrüßung oder die heiße Dusche.
Auch das Essen war genau so, wie man es sich nach einer Wanderung wünscht. Deftige Eintöpfe, Aufläufe und natürlich jede Menge Kartoffeln standen regelmäßig auf dem Tisch. Alles war hausgemacht und genau das Richtige, um neue Energie zu sammeln.
Mein erstes „craic“ Erlebnis hatte ich in einem der lebhaften Pubs im Ort Dingle. Der Raum war voller Menschen, Einheimische und Reisende, die alle wegen der Musik und der mitreißenden Atmosphäre gekommen waren. Als der Sänger der Band sich scherzhaft über mein kleines, halbes Pint Guinness lustig machte, wusste ich, ich bin angekommen. Die Musik zog sofort alle in ihren Bann, und schon nach kurzer Zeit wippten die Füße ganz automatisch im Takt. Fremde wurden zu Tanzpartnern, Arme wurden eingehakt, und überall wurde im Kreis getanzt und gelacht. Spätestens in diesem Moment war klar, dass diese Reise alles übertroffen hat, was ich erwartet hatte.

Am letzten Tag erreichte ich das An Riasc, ein familiengeführtes B&B am Fuße des Mount Brandon. Denise und die Familie Begley leben hier selbst und führen das Haus mit viel Herz.
Das An Riasc ist kein Hotel im klassischen Sinne. Es fühlt sich eher an, als würde man bei jemandem zu Hause ankommen. Denise ist vielseitig engagiert und auch im Dingle Committee aktiv. Sie kennt die Landschaft, das Wetter und die Jahreszeiten bis ins Detail, und man merkt schnell, wie tief ihre Verbindung zu diesem Ort ist.

Nach dem letzten, ziemlich windigen Abschnitt kam ich etwas zerzaust an und hatte vor allem eines im Kopf: Wärme. Denise wusste sofort, was ich brauchte, und hatte bereits eine Kanne Tee und frisch gebackene Scones für mich vorbereitet. Sie waren noch warm und wurden auf bunt gemischtem Geschirr serviert, was dem Ganzen eine besonders gemütliche Note gab. Auf dem Tisch stand ein kleiner Strauß Wildblumen, ganz unkompliziert und herzlich. Solche kleinen Gesten sagen oft mehr als viele Worte.
An Riasc liegt mitten in der Gaeltacht von West Kerry, einer Region, in der Irisch noch aktiv gesprochen wird, und diese kulturelle Verwurzelung ist überall spürbar. Selbst die Zimmer tragen irische Namen wie An Cnoc, An Fhaill oder Na Borraí, also: Der Hügel, Die Klippe und Die Wellen. Von meinem Zimmerfenster aus blickte ich direkt auf den Mount Brandon, was als Abschluss dieser Wanderung kaum besser hätte passen können.

Am Abend nahm sich Denise Zeit, hörte sich meine Erlebnisse bei einem Glas Wein an und organisierte sogar meine Fahrt zum nächsten Pub, wo ich den Abend bei Jakobsmuscheln und Pommes ausklingen ließ. Diese Selbstverständlichkeit, mit der hier geholfen wird, ist beeindruckend. Nichts scheint zu viel zu sein, und oft wird ganz selbstverständlich noch ein Schritt mehr gemacht. Genau das hat dazu geführt, dass ich mich vom ersten Moment an in Irland so willkommen gefühlt habe.
Am nächsten Morgen wartete ein letztes Highlight: Freilandeier, frisches Obst der Saison und warmes, hausgemachtes Brot, alles aus der Region. Einfach, aber genau richtig.

Der Aufenthalt im An Riasc war ein stimmiger Abschluss meiner Wanderung auf dem Dingle Way. Ich bin mit vielen Eindrücken abgereist, erfüllt von all der Herzlichkeit der Menschen und einem leisen Stolz darüber, den Weg geschafft zu haben.
Und was den Topf voll Gold am Ende des Regenbogens angeht? Vielleicht gibt es ihn tatsächlich! Eine Reise nach Irland ist auf jeden Fall auf ihre eigene Weise unbezahlbar.
Wirf ein Blick hinter die Türen von An Riasc
Wenn du mehr über Denise und ihr charmantes B&B auf der Dingle-Halbinsel erfahren möchtest, schau dir einfach das Video unten an. Dort bekommst du noch einmal einen ganz persönlichen Einblick.
